Wie ein Sprungnetz-Artikel entsteht: Eine Satire
Soziales
Wenn Ihr immer schon mal wissen wolltet, wie ein typischer Beitrag auf unserer Seite entsteht und wie ein Arbeitstag in unserem Team konkret abläuft, dann habt Ihr jetzt die Gelegenheit, einen nicht ganz ernst gemeinten Blick hinter die Kulissen von Sprungnetz zu werfen. Wir wünschen Euch viel Spaß dabei.
Montagmorgen, 8:45 Uhr: Noch schnell eine rauchen bevor es losgeht. Die Nikotinsüchtigen unter uns stehen noch ziemlich verschlafen vor dem Eingang. Plötzlich zerreißt ein schriller Ton die morgendliche Stille, der eher an eine Alarmsirene als an eine Fahrradklingel erinnert. Neun Millisekunden später biegt Kollege O. um die Hausecke und bringt seinen Drahtesel mit quietschenden Reifen zum Stehen. Einige von uns entgehen nur durch einen beherzten Sprung nach hinten einer Katastrophe. Na ja, wenigstens sind wir jetzt wach. Auf den Schreck erstmal einen Kaffee. Zum Glück kommt Kollege M. immer schon eine halbe Stunde vor dem Rest der Truppe und bereitet uns einen aromatischen Morgentrunk. Voller Vorfreude betreten wir die kleine Küche. Es folgt der nächste Tiefschlag, Kollege M. hat Urlaub, noch kein Kaffee fertig. Die Woche fängt ja gut an.
9 Uhr: Arbeitsbeginn. Rechner hochfahren, schnell die Artikel mit den Veranstaltungen vom letzten Wochenende von der Seite nehmen, Kaffee holen und ab in den Besprechungsraum.
9:15 Uhr: Morgenrunde. Das ganze Team harrt der Dinge, die da kommen. Die Chefin betritt strahlend den Raum, erzählt kurz von den Erlebnissen des Wochenendes und scheint bester Laune. Es beginnt die Verteilung der Aufgaben, reihum werden die Themen für die nächsten Artikel vergeben, lassen wir uns also überraschen. Die Chefin lächelt mich an: „Für Sie habe ich ein tolles Thema: Eine Ausstellung im Mineralogischen Museum.“ Kennt Ihr noch die Serie Monk? Erinnert Ihr Euch vielleicht an die Szene, als der kleine Benjy von Monk ein Steinputzset zum Geburtstag geschenkt bekommt? So in etwa könnt Ihr Euch meinen Gesichtsausdruck vorstellen. Steine? Tolles Thema? Echt jetzt?
Zum Glück können wir auch eigene Vorschläge einbringen, wenn wir glauben, dass ein Thema oder eine Veranstaltung auf unsere Seite passen würde. Meistens dürfen wir dann auch darüber schreiben, Eigeninitiative ist grundsätzlich gerne gesehen. Ich ziehe also den Joker: „Da ist doch am Wochenende diese große Erotikmesse in Altona mit freiem Eintritt, da könnten wir ja mal einen kleinen Bericht…“. Das Lächeln der Chefin gefriert und ihre linke Augenbraue zieht sich merkbar nach oben. Einige aus dem Team betrachten gespannt das Schauspiel. „Sie wissen doch, wir sind eine familienfreundliche Seite, da sind einige Themen einfach nicht passend.“ Furchtsame Gemüter würden an dieser Stelle klein beigeben, ich aber denke an das Idol meiner Jugend, Rocky Balboa, der sich nach jedem noch so bösen Niederschlag wieder aufrappelte und weiterkämpfte.
Ich versuche mit der Vielfalt unserer Leserschaft zu argumentieren und dass zumindest einige doch sicher an diesem Thema interessiert wären. Die Augenbraue wandert weiter nach oben. Also besser anders: Im weitesten Sinne sei Erotik ja grundsätzlich förderlich, die geringe Geburtenrate wieder etwas zu erhöhen und so zur Gründung neuer Familien beizutragen, also sei eine solche Messe doch aus diesem Blickwinkel betrachtet eine familienfreundliche Veranstaltung. Die Chefin ist offensichtlich nicht wirklich von dieser Schlussfolgerung überzeugt, die Form ihrer Augenbraue ähnelt inzwischen der Silhouette des Eiffelturms. Ich füge mich ins Unvermeidliche, Steine sind angesagt.
10 Uhr: Zurück am Schreibtisch, die übrigen Teammitglieder werkeln schon fröhlich vor sich hin, beginnen durchaus motiviert, zu ihren Themen zu recherchieren. Kein Wunder: Flohmarkt, Stadtfest, Fußballturnier, Poetry-Slam, Kinderschminken, Fotoausstellung, Freiluftkonzert, da kann man was draus machen und alles ist besser als Steine. Hier ist Kreativität gefragt, vielleicht hilft ja ein kurzes Brainstorming an der frischen Luft (heißt übersetzt: Kein Plan, was ich schreiben soll, erstmal eine rauchen).
10:15 Uhr: Immer noch keine zündende Idee, wie man die Thematik einigermaßen interessant, flott oder humorvoll verpacken könnte. Also erstmal die Basics abarbeiten. Wer, was, wann, wo, warum, die ersten zwei Sätze sind in 90 Prozent der Artikel ähnlich, kennt Ihr ja sicher: Am Donnerstag, den … findet um … Uhr in … ein … statt. Auch die Hinweise am Ende sind häufig dieselben (HVV Fahrplanauskunft, etc.). Dann noch die Adresse und die Links zum Veranstalter und OpenStreetMap raussuchen, schon haben wir zumindest ein Gerüst. Soweit zur Routine.
10:45 Uhr: Ich informiere mich auf der Seite des Veranstalters über Gesteine und deren Klassifikation, befrage Wikipedia, lese mich ein in die biogene Bildung von Sedimenten, studiere die Kontroverse zwischen Plutonismus und Neptunismus und lande – KRAWUSCH – plötzlich unsanft mit dem Kopf auf der Tastatur. Ich muss beim Lesen wohl kurz eingenickt sein. Um Euch nicht ähnlichen Gefahren auszusetzen und mögliche Schadenersatzklagen zu vermeiden, bleibt mir keine andere Wahl, als den historisch-wissenschaftlichen Ansatz für den Artikel zu verwerfen und wieder bei null anzufangen.
11:30 Uhr: Kollegin Z. betrachtet besorgt meine Beule und versucht nebenbei, mich ob meiner Inspirationsmisere mental wiederaufzubauen: „Kümmer dich doch erstmal um ein paar schöne Bilder, vielleicht kommt dir ja dabei eine gute Idee!“. Kein schlechter Gedanke. Ein paar ganz hübsche Fotos für die Bildergalerie sind schnell gefunden, aber so ein richtiger Knaller für das Hauptbild ist nicht dabei. Also mal etwas um die Ecke denken. Obelix mit Hinkelstein (geht leider nicht wegen des Copyrights), vielleicht Ayers Rock (wäre halt ein großer „Stein“), am Ende wird es ein Diamant, ein wahrhaft massiver Klunker. Ein bisschen Clickbait für die weibliche Leserschaft nach dem Motto „Diamonds are a girl‘s best friend“ ist das schon, aber technisch gesehen sind Edelsteine ja schließlich auch Steine.
12 Uhr: Zurück zum Text. Brauchbare Einfälle: immer noch Fehlanzeige. Überall um mich herum klappern die Tastaturen, nur an meinem Platz herrscht erdrückende Stille, ein Hauch von Schwermut liegt in der Luft.
12:15 Uhr: Die Chefin kommt ins Büro, ihre Augenbraue hat wieder eine natürliche Form und sie spendiert anlässlich der Hitze eine Runde Eis für alle. Meine düstere Stimmung hellt sich ein wenig auf.
12:30 Uhr: Mit frischer Kraft starte ich die nächsten Versuche, einen Aufhänger für den Beitrag zu finden. Was hat denn alles mit Steinen zu tun? Steinzeit? Behalte ich mal im Hinterkopf. Steinigung? Ich stöpsle die Kopfhörer in den Rechner, stelle mit einem kurzen Blick sicher, dass die Chefin wieder in ihrem Büro verschwunden ist und schaue mir kurz die entsprechende Szene aus dem Leben des Brian an: „Sie war‘s. Sie war‘s. (…) Er war’s. Er war‘s.“, kennt Ihr doch, oder? Nennen wir es mal Recherche, die Chefin sähe das vielleicht anders. Aber auch Steinigung fällt nicht gerade unter die Kategorie familienfreundlich, also weiter überlegen. Steinewerfer? Das Thema ist hier in Hamburg ja von Zeit zu Zeit durchaus aktuell, aber politisch aufgeheizt, also lieber Finger weg.
13 Uhr: Nach gefühlt drei Dutzend verworfenen Ideen fühle ich mich langsam wie Sisyphos, Ihr wisst schon, der alte Grieche mit dem Felsblock. Der fand Steine bestimmt genauso … (auf Schimpfwörter und Fäkalsprache müssen wir bei Sprungnetz leider verzichten) wie ich gerade.
13:15: Es kommt zwar einer Kapitulation gleich, KI-generierte Texte zu verwenden ist bei Sprungnetz sowieso verboten, aber harte Zeiten erfordern besondere Maßnahmen. Ich frage auf der Suche nach Inspiration den Kollegen KI mal unverbindlich nach witzigen Geschichten über Steine. Normalerweise bekommt man ja seine Antwort innerhalb von Sekundenbruchteilen, in diesem Fall dauert es deutlich länger. Ich glaube in der Ferne das kreischende Geräusch einer im tiefroten Bereich arbeitenden Serverfarm zu vernehmen, das sich mit dem tiefen Brummen einer zusätzlich hochfahrenden Turbine des nahegelegenen Gaskraftwerks mischt. Knapp zehn Minuten später lässt der Lärm nach und auf dem Bildschirm erscheint die Antwort: „Bitte formulieren Sie Ihre Anfrage neu. Suchen Sie nach witzigen Geschichten oder nach Geschichten über Steine?“. Kollege KI ist technisch k. o. Das löst zwar nicht mein Problem, aber ich fühle mich deutlich besser. Es dauert wohl noch ein bisschen, bis Sprungnetz durch künstliche Intelligenz ersetzt wird, ein beruhigender Gedanke.
13:30 Uhr: Die Zeit wird knapp, also schnell zwei Becher Kaffee auf Ex und den Autopilot anwerfen. Zitate gehen immer: „Die Idee ist da, in dir eingeschlossen. Du musst nur den überzähligen Stein entfernen.“ (Michelangelo). Noch fix ein paar halbwegs interessante Daten und Statistiken raussuchen (Wie viele Steine existieren im Universum?) und passend zum Titelbild ein paar Sätze zu Diamanten zu Papier bringen. Nicht mein bestes Werk, aber zumindest ist der Text fertig.
14:00 Uhr: Kollege M liest Korrektur, noch eben zwei Kommas und einen Tippfehler berichtigen und ab zur Chefin für die Endkontrolle. „Schöner Artikel, kann so auf die Seite.“ Sie ist zum Glück meist gnädig in ihren Urteilen.
14:15 Uhr: Den Beitrag noch auf Sprungnetz.de hochladen, Links überprüfen, fertig. Das ist tägliche Routine.
14:30 Uhr: Feierabend. Ein typischer Tag bei Sprungnetz ist zu Ende und wir hoffen, Ihr hattet ein bisschen Spaß dabei, uns auf diese Weise bei der Arbeit über die Schulter zu schauen.
















